Soldaten im Sommer
Am 21. Juni 2026 beginnt der kalendarische Sommer genau um 10:24 Uhr. 1941 war es 21:33 Uhr, als die Sonne ihren Hochstand über dem nördlichen Wendekreis erreichte.
Die Sommersonnenwende übt seit jeher eine besondere Faszination auf die Menschen aus. Am längsten Tag des Jahres lässt es sich gut feiern. So auch dieses Jahr. Es gibt ein zentrales Fest rund um das Reichstagsgebäude in Berlin, und auch der Landtag in Saarbrücken will nicht abseits stehen. Gefeiert wird der Nationale Veteranentag.
Der Gedenktag ist offiziell am 15. Juni. Da das aber ein Werktag ist, finden die Festveranstaltungen am 21. Juni statt.
Ehre den deutschen Soldaten. Nach dem Ersten Weltkrieg war es der „Volkstrauertag“, die Nazis machten daraus „Heldengedenktag“, und bei uns heißt es nun „Nationaler Veteranentag“. Nun gedenkt natürlich das offizielle Deutschland nur den westdeutschen Soldaten, die Nationale Volksarmee der DDR hatte sich ja im Gegensatz zur Bundeswehr noch nicht einmal an einem Krieg beteiligt.
Gestärkt werden soll die Verbundenheit zwischen Soldat und Gesellschaft. Das Militärische wird normalisiert. Schließlich werden Soldaten gebraucht, selbstverständlich auch Soldatinnen. Und sie nehmen auch schon die Kinder mit 17 Jahren. Wertschätzung ist da wohl das Mindeste. Da muss man schon eine Priorität setzen. Natürlich hätte man zum Beispiel auch einen Tag der Wertschätzung für Pflegekräfte beschließen können, aber deren Leistungen reichen da wohl nicht.
Zurück zum Datum. Erinnern wir uns an den 21. Juni vor 85 Jahren?
Der 21. Juni 1941 war der unmittelbare Vorabend des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion. An diesem Tag liefen die letzten, fieberhaften Vorbereitungen der Wehrmacht für den größten Feldzug der Geschichte, der als erbarmungsloser Vernichtungskrieg geplant war. Um 13:00 Uhr erfolgte der Befehl für den Angriff. Das vereinbarte Codewort für den Beginn am nächsten Morgen lautete „Dortmund“. Am 22.6. um 03:05 Uhr in der Früh begann der rassenideologische Vernichtungskrieg mit barbarischen Kriegsverbrechen, Massenerschießungen durch Einsatzgruppen und dem gezielten Aushungern. Ruhm und Ehre ist da für die Wehrmacht nicht zu vermitteln.
85 Jahre später feiern wir nun unsere Soldaten. Ich will sie keineswegs mit den Nazis gleichsetzen. Die Bundesregierung muss etwas tun, schließlich soll die Bundeswehr zur „konventionell stärksten Armee Europas“ werden.
Mir bereitet der Zeitpunkt besondere Bauchschmerzen. Die deutsche Armee an einem solchen Tag zu feiern, ist nicht angebracht. Wie kommt das bei unseren Nachbarvölkern so an? Was werden die Russen sagen, dass wir sie zum dauerhaften Feind erklären? Wie wirkt die Russophobie angesichts der Situation, dass es nahezu keine sowjetische Familie gibt, die keine Toten in diesem Krieg zu beklagen hatte? Mir ist unwohl.
Nun, ich begehe den 21. Juni Jahr anders.
Ich fahre mit meiner Gewerkschaft zu verschiedenen Stätten des Widerstandes und des Gedenkens, zuerst ins Nationale Museum für Widerstand und Menschenrechte nach Esch-sur-Alzette in Luxemburg und dann nach Ban Saint-Jean in Frankreich. Dort gibt es eine internationale Kundgebung von Gewerkschaftern.
Wir gedenken der schätzungsweise 27 Millionen Toten der sowjetischen Völker. Etwa ein Drittel der Toten entfiel auf Soldaten, zwei Drittel auf die Zivilbevölkerung. Die Rote Armee befreite dann Europa vom Faschismus. Diese Soldaten beendeten im Zweiten Weltkrieg die Schreckensherrschaft der Nazis. Sie waren die Befreier nicht nur des KZs Auschwitz. An diese Veteranen möchte ich denken.
So kann man sich zur Sommersonnenwende entscheiden, wie man den Tag begeht. Geschichtsvergessen oder wollen wir aus unserer Geschichte lernen? Meine Freunde von der Saar sagen gemeinsam mit Freunden aus Frankreich und Luxemburg: Arbeiter schießen nicht auf Arbeiter. Wir kämpfen über Ländergrenzen hinweg für den Frieden, laut erklinge unser Ruf: „Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!“
